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Predigt Erzbischof Ludwig Schick, Bitt u. Bonifatiuswallfahrt 25. Mai 2014

Erzbischof Dr. Ludwig Schick
Bittwallfahrt Hülfensberg, 25. Mai 2014
1.    Lsg.: Apg 8,5-8.14-17
2.    Lsg.: 1 Petr 3,15-18
Ev.: Joh 14,15-21

Liebe Schwestern und Brüder!

1.    Gern bin ich wieder einmal zum Hülfensberg gekommen, um in der Salvatorkirche die Eucharistie zu feiern und so die Bitt- und Bonifatiustage zu eröffnen. Schon öfter war ich als Generalvikar und Weihbischof in Fulda auf diesem heiligen Berg nach der Grenzöffnung 1989. Vorher, in der DDR-Zeit, habe ich den Hülfensberg vom Westen, aus dem Werratal und auch vom Osten von Heiligenstadt und dem Eichsfeld gesehen. Man durfte ihn nicht besuchen; er lag im „Sperrgebiet“. Jetzt ist es wieder möglich, Gott sei Dank. Seit 25 Jahren ist der Hülfensberg wieder frei zugänglich. 1989 war ein Gnadenjahr. Wir dürfen das 25-jährige, das Silberjubiläum des Wendejahres, in diesem Jahr begehen. Welch eine Freude und Gnade!
2.    Für mich ist mit dem Hülfensberg auch heute noch das Wort „Sperrgebiet“ verbunden. Der Hülfensberg war in der DDR-Zeit im Sperrgebiet, so wie viele Berge und Wälder, Gemeinden und Städte, vor allem aber Menschen der ganzen Zonengrenze entlang. In das Sperrgebiet durfte man nicht hinein und die, die darin wohnten, konnten nur ganz schwer heraus. Sie lebten in einem „Freiluftgefängnis“. Gott sei Dank, dass es in Deutschland kein territoriales Sperrgebiet mehr gibt – nur noch im Wort und in der Erinnerung. Aber gibt es sie nicht auch heute, geistige und geistliche Sperrgebiete?
3.    Lasst uns einen Augenblick über dieses Wort nachdenken: „Sperrgebiet“ bedeutet Einschränkung, Isolation, Begrenzung, z. B. der Reise- und Kommunikationsmöglichkeiten, der Arbeits- und Berufschancen, sogar Einschränkungen für Heirat, Ehe, Familie, Erziehung der Kinder. Sperrgebiet ist Beschneidung der Menschenrechte und der Entfaltungsmöglichkeiten.
4.    Liebe Schwestern und Brüder! Es gibt geistige und geistliche Sperrgebiete, in die wir Menschen uns bewusst oder unbewusst hineinbegeben, hineinschlittern und darin gefangen sind. Sie können uns noch mehr beschränken als territoriale. Jesus Christus ist gekommen, um uns „ins Weite zu führen“, wie das diesjährige Jahresmotto vom Hülfensberg 25 Jahre nach dem Wendejahr 1989 lautet. „Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17), schreibt Paulus und in einem Psalm heißt es: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (PS 18,30). Unser Gott will keine Sperrgebiete, weder territoriale noch geistige. Er will Offenheit und Freiheit.
5.    Die heutigen Lesungen und das Evangelium sprechen von Weite, von Horizonterweiterung, von Befreiung aus Sperrgebieten.
Zunächst von den territorialen: Samarien war für die Juden Sperrgebiet, da ging ein anständiger Jude nicht hin. Die Samariter waren Abtrünnige, auf die ließ man sich nicht ein, sie verehrten Gott nicht im Tempel von Jerusalem sondern auf dem Garizim. Die Samariterin am Brunnen fragt deshalb Jesus: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin um Wasser bitten?“ (Joh 4,9).
Jesus hat das Sperrgebiet Samarien aufgebrochen: das territoriale, indem er hineinging und das geistige, indem er mit der Samariterin sprach und sie und andere für den Glauben an sich, den Erlöser aller Menschen, öffnete.
Ebenso die Apostel: Als sie hörten, dass in Samarien Menschen den Glauben angenommen hatten, gingen sie hin, legten ihnen die Hände auf und der Heilige Geist kam auf diese herab (vgl. Apg 8,14-17). Auch die Samariter wurden getauft und gefirmt und so eingefügt in die große Gemeinschaft des neuen Volkes Gottes, das keine territorialen, nationalen und geistigen Sperrgebiete kennt. Das war Horizonterweiterung und Ende des Sperrgebiets Samarien.
6.    Die zweite Lesung beschreibt auch eine Horizonterweiterung und die Beendigung eines Sperrgebiets. Den Petrusbrief nennen die Fachleute „katholischen Brief“, weil er ein Schreiben an alle Christen ist; für Christen gibt es keine Sperrgebiete. Darin heißt es: „Haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig“ (1 Petr 3,15).
Petrus sagt damit: Ihr seid nicht allein in eurem Bemühen um authentisches, echtes und gutes Leben. Christus ist bei euch. Mit Jesus ist das Sperrgebiet zwischen Gott und Mensch, Himmel und Erde aufgehoben. Er kommt zu jedem. Sein Geist macht alle lebendig.  
7.    Im Evangelium wird das noch deutlicher: Unser Glaube schenkt uns den „Geist der Wahrheit“ (Joh 14,17), den die Welt nicht geben kann. Wir sind nicht nur auf diese Welt und ihre Weisheit und Erkenntnisse angewiesen; sie kann nicht die Sehnsucht unserer Herzen befriedigen, kann uns die wesentlichen Fragen nicht beantworten: nach dem Sinn des Lebens, nach dem Woher, Wohin, Wofür, was wir tun müssen und hoffen dürfen. Der „Geist der Wahrheit“, den Jesus gibt, öffnet unseren Horizont. Er öffnet alle Menschen für den Glauben an Gott und das Vertrauen auf IHN und seine universale Liebe. Jesus kehrt zum Vater heim, um dort für alle einen Platz zu bereiten (vgl. Joh 14,2). Horizonterweiterung und Ende von Sperrgebieten.
Jesus Christus schenkt den Glauben an das ewige Leben. Das Leben ist nicht auf diese 70, 80 Jahre begrenzt; es ist offen auf die Ewigkeit hin. Es ist auch nicht begrenzt auf die eigenen vier Wände, auf die eigene Nation; es ist offen für alle Menschen und alle Kulturen, die bereichern. Christsein bedeutet: Für die „Fülle des Lebens“ (vgl. Joh 10,10) hier und in Ewigkeit geöffnet zu sein. Horizonterweiterung und Ende von Sperrgebieten!
8.    Konkret fordert das:
•    Für Christen darf es keinen Nationalismus und Rassenhass geben. Nationale und rassistische Sperrgebiete, die abgrenzen und eng machen, gibt es nicht. Ein klares „Nein“ zu „rechten“ Gruppen bei der Europawahl! „Nein“ zu rassistischen Attentaten wie gestern in Belgien! „Nein“ zu Ghettos, KZs, Gulag!
•    Für Christen gibt es keine Sperrgebiete für Behinderte, alte Menschen, unwertes Leben. Christen sind Menschen der Inklusion; für sie gibt es keine Sperrgebiete und Ghettos für Menschen.
•    Christen sind Verteidiger der internationalen Menschenrechte.
•    Christen sind Globalplayer; sie interessieren sich für die Armen und Hungernden, Kranken und Benachteiligten der ganzen Welt.
•    Christen sind nicht in diese Welt „vernarrt“, denn sie wissen um Gott, den Himmel und die Ewigkeit.
•    Christen schätzen andere Religionen und Weltanschauungen und setzen sich mit ihnen auseinander. Christen sind Menschen des Dialogs.
•    Christen sind Menschen ohne Sperrgebiete, sie wollen keine territorialen Sperrgebiete und lassen auch keine geistigen zu, weil Gott keine Sperrgebiete kennt.
9.    Die traditionellen Bitttage vor Christi Himmelfahrt bitten um die Gaben der Natur für unser leibliches Wohl, um die Nahrung, die wir brauchen. Die Bitttage dürfen aber auch Bitten enthalten, die uns öffnen füreinander, für Gott, für den Himmel und die Ewigkeit. Die Bitttage sollen, verbunden mit den Bonifatiustagen auf dem Hülfensberg, darum bitten, dass alle Sperrgebiete in unserem Denken und Handeln, ja in unserem ganzen Miteinander aufgehoben werden und wir hinausgeführt werden ins Weite und leben in der Freiheit der Kinder Gottes. Amen.

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