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Willkommen auf dem Hülfensberg

Ansprache von Sr. Edith Maria beim Taufgedächtnisgottesdienst

Ökumenischer Taufgedächtnisgottesdienst am 15. Juni 2019, 19:00 Uhr

Ansprache von Sr. Edith Maria

„Mit wachsender Kraft“ Ps 84,8

 

Liebe Schwestern und Brüder in Christus unserem Herrn,

Was für eine ermutigende Botschaft haben wir gerade gehört!
Die muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: der Herr vergleicht das Reich Gottes mit einem Senfkorn.
Dem kleinsten aller Samenkörner.

 

Wenn es in guter Erde zum Wachsen kommt, wird es zu einem so großen Baum, dass die Vögel des Himmels in seinen Zweigen wohnen.
Das ist eine Anspielung auf einen Traum des Königs Nebukadnezzar, in dem ein großer Baum immer größer und mächtiger wird, so dass er bis an das Ende der Erde zu sehen ist. Sein prächtiges Laub und die vielen Früchte bieten allen Lebewesen Nahrung und Schatten.

 

Der Prophet Daniel, der am Hof des Königs lebt, deutet dieses Traumbild so: der Baum steht für ein großes Königreich und mit den Vögeln des Himmels sind die Völker der Erde gemeint. Dan 4,8.17-18

Aus einem Senfkorn entsteht im Gleichnis Jesu ein so mächtiger Baum!

Und als seine Jünger ihn darum bitten, ihren Glauben zu stärken, sagt er:

„Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, könntet ihr zu dem Maulbeerfeigenbaum (das ist ein besonders großer Baum) sagen: Verpflanze dich und wachse weiter im Meer- er würde euch gehorchen.“ Lk 17,4-5

„Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn…“

 

Der große Gelehrte Angelus Silesius 1624-1677 war von diesem Wort Jesu derart fasziniert, dass er folgende Überlegung anstellte:

„Der Glaube, Senfkorn groß, versetzt den Baum* ins Meer: denkt, was er könnte tun, wenn er ein Kürbis wär.“ *abgeändert: Baum von Berg bei Silesius

 

Das ist wachsende Kraft!
Eine Kraft, die uns zuwächst von Gott in bestärkender Glaubensgemeinschaft.

Unser Psalm findet dafür treffende Worte: „Wohl den Menschen, die Kraft finden in dir, wenn sie sich zur Wallfahrt rüsten.“ Ps 84,6

Gerade in unseren Tagen entdecken viele Menschen die Kraft, die sie beim Pilgern erfahren. Denn das Volk Gottes ist ein pilgerndes Volk, ein Volk, das immer in Bewegung ist, vorwärtsgewandt, einem Ziel entgegen.

Und die Weggemeinschaft mit anderen lässt die Pilger „ dahin schreiten mit wachsender Kraft “ Ps 84,8
hin zu ihrem Ziel: Gott auf dem Zion, in seinem Heiligtum zu begegnen.

Selbst wenn sie „durch das trostlose Tal ziehen, wird es für sie zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen.“ Ps 84,7

Wer freut sich nicht über Frühregen, diesen schonenden Regen, der den Pflanzen guttut, sie nicht in seiner Heftigkeit zerstört, sondern der die Saat benetzt, damit sie wächst und Frucht bringt.

Wer kennt nicht den Genuss von frischem Quellwasser auf einer langen, schweißtreibenden Wanderung?

Quellwasser ist unverbrauchtes, frisches Wasser; die Quelle ist der Anfang, der Ursprung gewaltiger Flüsse auf ihrem Weg zum Ozean.

 

Wenn wir im Sommer ins Wasser tauchen, dann spüren wir eine starke Veränderung:
Das kalte Wasser ist zunächst wie ein Schock, unsere Haare, unser ganzer Körper taucht anders wieder auf, als wir eingetaucht sind.
Das Wasser verändert uns.

Wir sind erfrischt, unser Kreislauf ist angeregt und wir fühlen uns wach und fit.

Ein schönes Bild ist das für die Taufe, wie sie ursprünglich stattgefunden hat.
Jesus hat sich im Jordan von Johannes taufen lassen. Damals sind die Täuflinge komplett ins Wasser eingetaucht worden.

Sein Hinabsteigen ins Wasser und das Heraussteigen aus dem Wasser sind Hinweise auf Jesu Tod und Auferstehung, auf sein JA zum Willen des Vaters, zu unserem Heil.

 

Als Jesus aus dem Wasser steigt, ereignet sich ein Dreifaches:

  • der Himmel öffnet sich
  • der Geist Gottes kommt auf ihn herab
  • Gott selbst bekennt sich zu ihm, seinem geliebten Sohn

 

Die Taufe ist das erste Sakrament, das wir empfangen. In diesem Zeichen der heilbringenden Liebe Gottes erhalten wir Anteil an der Wirkkraft des Heiligen Geistes.

Mit der Taufe sind wir aufgenommen in die Gemeinschaft derer, die zu Christus gehören; unser Glauben ist keine Privatsache, vielmehr führt er  uns in Gemeinschaft zusammen. Sie ist gleichsam die „Entfaltungsstätte, der Ort an dem ein Christ erfährt, dass Gott ihn liebt.“ Karl Rahner

Diese Liebeserfahrung hält uns den Himmel offen.
Da berühren sich Himmel und Erde…

 

Die umwerfende Kraft der Taufe bringt der Apostel Paulus auf den Punkt und schreibt im Brief an die Galater:

„Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie,“ –
(ich möchte ergänzen: nicht mehr Katholiken und Protestanten),
„nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ Gal 3,27-28

 

Was für ein Geschenk, dass wir gemeinsam als einer in Christus miteinander auf dem Weg sind, Gottes pilgerndes Volk, Glaubensgemeinschaft in der Kraft seines Geistes, Wallfahrer in bewegter Zeit.

Als Säuglinge haben unsere Eltern und Paten an unserer Stelle den Glauben bekannt.

In der Osternacht erneuern wir das Taufversprechen und bekennen unseren Glauben.

Glauben heißt nicht wissen; Glauben setzt ein tiefes Vertrauen voraus in den, dem ich glaube, ein Vertrauen, dem gute Bedingungen halfen, sich zu entwickeln und zu festigen. Wie beim Senfkorn…

 

Ein fiktives Gespräch über Gott von Daniel Rufeisengibt uns eine Ahnung davon:

Glauben Sie an Gott, fragte sie ihn.
Nein, sagte er, ich glaube nicht an Gott. Aber, fuhr er fort, ich  glaube Gott. - Ich glaube Gott seine Zusage.

Welche Zusage, wollte sie wissen.
Der Zusage glaube ich, die Gott machte, als er nicht zornig war. Er lächelte.

Und die wäre, fragte sie weiter.
Der Zusage traue ich, dass Gott mein Leben will.

Auch dann, wenn ich nicht will, wandte sie zögernd ein.
Auch dann, sagte er fest. Denn sein Vertrauen zu mir ist, Gott sei Dank, größer als mein Vertrauen in mich.

Und Jesus? Glauben Sie an Jesus, wollte sie wissen.
Nein, auch an ihn glaube ich nicht.
Aber ich glaube ihm und seinem Glauben, seine Zusage. seiner Hoffnung und seiner Liebe, die im Laufe seines Lebens immer größer wurden. Ich glaube ihm seinen Gott, der ihm immer rätselhafter wurde. Er hat nach ihm gerufen.

Er rief nach Gott, von dem er sich im Tod verlassen fühlte, sagte sie trotzig.
Ja, auch diesen Gott glaube ich ihm. er war ehrlich. Vor sich und der Welt, die ihn gekreuzigt hat. Er hat sich und uns nichts vorgemacht. Und er war Gott gegenüber ehrlich. … Am Ende hat Jesus nach ihm mit gewaltiger Stimme  über dem Abgrund gerufen: Warum?

So können Sie glauben, fragte sie zögernd.
Manchmal, antwortete er, manchmal, wenn ich seine Hand spüre…

In memoriam P. Daniel Rufeisen, Leiter der Jakobusgemeinden in Israel (1922-1998)

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