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Willkommen auf dem Hülfensberg

Jesaja & Johannes

Gedanken zu adventlichen Personen

Johannes der Täufer – das Scharnier zwischen Altem und Neuem Testament, dem ersten und zweiten Bund. Jesus sagt von ihm, dass er der größte aller Menschen ist – die größte Bedeutung, der größte der Propheten. Und er greift die große Botschaft der Erlösung vom großen Propheten Jesaja auf!


Alles groß, sehr groß, und gerade deshalb stellt sich die Frage: Warum geht Johannes mit dieser Botschaft nicht nach Jerusalem? Dort ist das Zentrum! Zentrum der Religion, Zentrum des Glaubens, Ort des Tempels, Regierungssitz des großen ehemaligen Königs David!


Johannes der Täufer, er hält mit seiner Botschaft sprichwörtlich hinterm Berg. Auch wortwörtlich hält er mit seiner Botschaft hinterm Berg: Jerusalem, auf 75Om Höhe, dann noch mal einiges höher, der Ölberg, und dann geht es hinab in die Wüste, Richtung Jericho, Richtung Jordan, etwa 1km tiefer als Jerusalem gelegen, ca. 4OO m unter dem Meeresspiegel. Dahin verzieht sich Johannes mit dieser großen Botschaft.


Hinterm Berg halten. Eine Erklärung für dieses Sprichwort: Vor einer Schlacht hält man die Geschütze und Soldaten solange in der Deckung des Berges, bis der richtige Zeitpunkt zum Angriff gekommen ist. Eine weitere Erklärung: Im Mittelalter hieß eine Art Schürze "Berge", darunter verbargen Frauen Dinge, die sie über die Straße trugen, zum Schutz.


Die Botschaft wird behutsam verkündet, erst einmal hinterm Berg. Bereitet dem Herrn den Weg! Kehrt um! Johannes hält jedoch nicht mit seiner Rhetorik hinterm Berg! Nur den Ort wählt er im Verborgenen, Abgelegenen.


Es geht um mehr, als nur Geografie, und doch ist sie kein Zufall, kein unbedeutendes Nebenprodukt. Diese Geografie ist für die Menschen damals ganz klar zu deuten! Daher auch strömen die Menschen in diese einsame Gegend am Jordan, in der Wüste, ganz in der Nähe des unwirtlichsten Meeres der Welt, des Toten Meeres. Geografisch ist dies der tiefste Punkt an Land auf unserer bewohnten Erde. Das ist kein Zufall. Für die Israeliten zur Zeit Jesu war jedoch eines ganz klar: Dieser Ort ist das Scharnier zwischen Sklaverei und Freiheit! Dieser Ort ist die Mündung des Leids und der Schmach in die Fülle des Lebens. Dieser Ort ist das Ende des Exodus, das Ende der Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten. Hier beginnt das verheißene Land Kanaan, erez Israel, das Land, in dem Milch und Honig fließen. Hier endet der generationenumfassende Weg durch die Wüste. An dieser Stelle wird davon berichtet, dass die Bundeslade trockenen Fußes über den Jordan gebracht wurde und das ganze Volk folgt ihr. Dieser Ort ist alles andere als abgelegen.


Ich durfte schon mal dort sein, einige haben Pilgerfahrten unternommen und den Ort vielleicht noch vor Augen. Aber er bedeutet mir nicht so viel, wie einem Israeliten zur Zeit Jesu. Für den Israeliten ist es der Ort des zauberhaften Anfangs. Der Platz, der ihn an die Verheißung Gottes erinnert. Der Ort, mit dem Erzählungen von Eltern, Großeltern, Rabbinern und Propheten verbunden sind. Ein Ort der Sehnsucht nach Neubeginn. Nach neuem Anfang. Nach einem Reset für die Seele.


Wir lesen das Evangelium von Johannes am Jordan im Advent, zu Beginn des neuen Kirchenjahres. Diese Lesung erinnert auch mich an meinen Anfang. Sie erinnert mich an die erste Liebe, die Zeit in meinem Leben, in der ich wirklich gelernt habe, zu beten. Johannes am Jordan erinnert mich an meine ersten Erfahrungen mit der Bibel, sowohl an die der Kindheit als auch die ersten Erfahrungen, in denen ich als Erwachsener, ohne irgendeinen Zwang oder irgendeine Notwendigkeit, die Bibel in meine Hand genommen habe. Die Geschichte vom Jordan erinnert mich an die ersten Gottesdienste, zu denen ich freiwillig gegangen bin. Sie erinnert mich an meine grundlegende menschliche Sehnsucht nach gelobtem Land: Das gelobte Land ist ein Leben, dass sich lohnt! Ein Leben, das sich zu leben lohnt. Das gelobte Land ist ein Leben, das Zukunft hat und Freiheit und Gerechtigkeit. Es ist der Sehnsuchtsort, den jede und jeder von uns in sich trägt. Wenn wir zur Ruhe kommen und alle Ablenkungen mal zur Seite lassen, dann kommt diese Sehnsucht vielleicht durch eine Träne aus unseren Augen. Ein Träne, die nicht traurig ist, sondern lebendig. Wenn wir ein neues Leben zum ersten Mal im Arm halten und uns diese Augen anschauen, dann wissen wir sogar ganz klar um diese Sehnsucht, Sehnsucht nach Einheit, Gemeinschaft und einem Leben, das nicht endet.
All das lässt sich nicht in Worte fassen, es lässt sich mit Worten ein bisschen umspielen und antasten, so wie auch Jesaja das getan hat. Er hat die Menschen an ihre Sehnsucht erinnert. Nicht, weil er einfach schlauer oder frommer war als alle anderen. Nein, er ist ein Prophet und der kann nichts für seine Einsicht. Als Prophet wurde ihm von Gott nicht die Sehnsucht der Menschen gezeigt, sondern deren Gegenpart. Als Prophet hat er die unendliche und unfassbare Sehnsucht und Liebe Gottes zu uns Menschen erfahren. Danach kann er nicht anders, als mit lächerlichen und wunderschönen Bildern zu den Menschen von dieser Liebe zu sprechen und uns somit aufzurufen, wieder neu unserer Sehnsucht zu trauen und zu folgen.


Lassen wir uns noch einmal von Jesaja mitten im Advent aufrufen und ermuntern:


„Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, dass ihre Schuld beglichen ist.
Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste!
Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben.
Erheb deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! Sag den Städten in Juda: Seht, da ist euer Gott.
Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam.“ (Jesaja, Kapitel 40)